308 - Eine Metapher auf dem Prüfstand

Shownotes

Manchmal liest man ein altes Buch noch einmal und merkt, dass sich die eigene Meinung seitdem verschoben hat. Genau das ist mir mit einer Metapher passiert, die ich in meinem eigenen Buch verwendet habe: die blinden Männer und der Elefant. Ausgelöst durch Ori Brafmans "The Starfish and the Spider" und einen Text von Dave Snowden erzähle ich, warum ich diese Metapher heute kritischer sehe, und welches Bild sie für mich ersetzt hat. Am Ende steht eine einfache Frage, die du in deiner nächsten Veränderung stellen kannst.

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Viel Spaß beim Hören! Dein David & Martin

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The Starfish and the Spider

Link zum Artikel von Dave Snowden

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Wir Müssen Reden! Podcast für agile Orgentwicklung: einen wunderschönen guten Tag zusammen. Ich möchte heute mit einem Geständnis daherkommen in diesem Impuls. Ich möchte etwas zurücknehmen oder zumindest in ein anderes Licht rücken, was ich noch vor gerade einmal zwei Jahren in meinem Buch, die Illusion der Kontrolle, eigentlich vertreten habe. Es geht nämlich die schöne Geschichte der blinden Männer und dem Elefanten. Vielleicht kennst du diese Geschichte auch und ich fasse hier auch gleich nochmal kurz zusammen. Die Geschichte ist so schön bildlich und niedlich und ich habe sie tatsächlich auch einfach gerne genutzt, zu zeigen, wie unterschiedlich Perspektiven auf ein und dasselbe System sein können. Ich stehe heute ein bisschen kritischer dazu, als ich das noch beim Schreiben tat und deswegen würde ich dir heute gerne in diesem Impuls erzählen, warum eigentlich. Falls du die Geschichte nicht kennst, hier ist ganz grob die Zusammenfassung. Es geht mehrere blinde Männer. und die ertasten unabhängig voneinander einen großen Elefanten. Der eine fasst den Rüssel an und sagt, sei eine Schlange, der nächste fasst ans Ohr und hält das für einen Fächer und der dritte fasst an den Bein und sagt, das sei halt ein Baumstamm. Ein ganz hübsches Bild für unterschiedliche Perspektiven und das stimmt auch weiterhin, das Problem liegt aber woanders. Und darum geht es heute. Und meine neue Sicht darauf oder warum ich jetzt auch diesen Impuls aufnehme, das wurde ausgerechnet durch ein altes Buch ausgelöst, das mir zufällig während den Renovierungsarbeiten hier in den letzten Monaten wieder in die Hand gefallen ist. Das Buch heißt The Starfish and the Spider von, ich hoffe den Namen spreche ich richtig aus, Ori Brethman. Der Link dazu packe ich dir in die Show Notes. Es geht dezentrale Organisationen und ja, die werden in diesem Buch ziemlich heilig gesprochen und als der Heilige Gral angepriesen, aber darum geht es jetzt hier gar nicht. Sondern es geht ein Bild, das in diesem Buch skizziert wurde und das ist mir zumindest hängen geblieben. Grupp zusammengefasst sagt der Autor nämlich, und das ist irgendwie offensichtlich, wenn man es hört, dass eine Spinne stirbt, wenn du ihr den Kopf abschneidest. Ein Seestern hingegen nicht, wenn du ihm einen seiner Arme abschneidest. Wenn du bei einem Seestern den Arm abschneidest, dann wächst er nach. Mehr noch. aus so einem abgeschnittenen Arm kann sogar ein komplett neuer Seestern entstehen. Und Dave Snowden, mal wieder, hat vor einiger Zeit einen ziemlich coolen Text darüber geschrieben, in dem er genau diese Metapher irgendwie auseinander nimmt und ich habe zwei kritische Punkte darin gefunden und die möchte ich eben jetzt heute hier mit dir teilen. Erstens, implizit steckt in dieser Metapher ja drin, dass es quasi einen heimlichen Helden gibt. Jemand erzählt diese Geschichte, meistens jemand, der sich natürlich selbst nicht zu diesen blinden Männern zählt und der jetzt anderen Leuten den Blinden in Anführungsstrichen erzählt, wie sie denn ständig unterschiedlich diesen Elefanten betasten. Der Zähler selbst sieht ja angeblich den ganzen Elefanten, nur die anderen halt nur den Ausschnitt. Die anderen sind sozusagen die Blinden. Und wie heißt dieser Spruch so schön? Im Land der Blinden ist der einäugige König. Und genau diese Position nimmt man implizit ein, sobald man dieses Bild nutzt, andere ihre Begrenztheit zu erklären. Das ist ein Verlust der Augenhöhe, wenn man so will. Auch wenn man es gar nicht so meint, ich erkenne mich ja hier selber schuldig, in Anführungsstrichen, ich habe diese Metapher selber benutzt. Die Struktur der Erzählung macht dich aber automatisch zum Sehenden. Ganz implizit. Zweitens, der zweite Kritikpunkt, und der ist fast noch gravierender, die Metapher suggeriert ja, dass alle Perspektiven gleichgültig sind und gleichwertig sind. Jeder ertastet ein Stück und jeder hat auf seine Weise Recht und am Ende entsteht ein Gesamtbild, eine Sammlung von gleichberechtigten Wahrheiten. Das klingt sehr demokratisch, das klingt menschlich, das klingt schön, ist in der Praxis aber finde ich einer der unproduktivsten Einstellungen oder Haltungen, wie man jetzt heutzutage wahrscheinlich sagen würde, die man so in Organisationen erleben und forcieren kann. Wenn man in einem Workshop sitzt und am Ende alle Stimmen gleich schwer wiegen, dann hat man keine Entscheidung gewonnen, sondern eine Liste von Meinungen, die irgendwie alle nebeneinander stehen bleiben dürfen. Nicht jede Perspektive verdient das gleiche Gewicht in jeder Situation. Und Ich finde die eigentliche Aufgabe in solchen Veränderungsprozessen ist es doch genau diese unterschiedlichen Sichtweisen auszuhandeln. Welche Sichtweise gerade relevant ist und welche nicht. Das ist unbequem, das kann manchen Leuten ans Ego gehen, das schließt auch gleichzeitig ein, dass wir ungleich sind. Das ist nun mal eine traurige Wahrheit, mit der niemand gerne umgehen möchte. Aber ohne diese Aushandlung bleibt einfach jede Entscheidung stecken. Und hinzu kommt eigentlich noch ein dritter Punkt, der diese Metapher eigentlich komplett ausblendet, nämlich ob du überhaupt plausibel einen Elefanten vermutest, hängt ganz davon ab, ob du vorher schon, also was du vorher eigentlich schon weißt, wie du sozusagen sozialisiert wurdest, ob jetzt in deinem Unternehmen oder halt eben jetzt hier in diesem Kontext beim Elefanten. Ein Elefanten im Zoo ist etwas ganz anderes als ein Elefant, dem du zufällig in freier Wildbahn begegnest. Mit Vorwissen tastest du anders und du erwartest überhaupt etwas ganz anderes bevor du überhaupt die Hand ausstreckst. Wahrnehmung ist nie voraussetzungslos. Auch die der blinden Männer nicht. Nur tut die Metapher halt ebenso, als wären das alles leere Blätter, die zufällig auf ein Bein oder ein Ohr stoßen und die sozusagen Kontext frei in dieser Situation diesen Elefanten begrapschen. Also, soweit, so gut, soweit die Abrechnung. Dave Snowden hört in seinem Artikel, den ich übrigens in die Show Notes packe, nicht auf, sondern das bringt mich jetzt wieder zurück zu dem eingangs erwähnten Seestern. Es gibt nämlich noch eine andere Geschichte, die häufig auch im Zusammenhang mit diesen Elefantenmetaphern gesponnen und erzählt wird. Nämlich, wenn du einen Elefanten in zwei Hälften teilst, bekommst du keine zwei Elefanten. Wir sagen ja auch oft, wie schneiden wir den Elefanten? Oder wie ist man ein Elefanten in Scheiben? Du bekommst dann aber keine zwei Elefanten, sondern maximal einen Blutbad. Offensichtlich könnte man meinen, aber genau daran zeigt sich etwas, das für den Umgang mit komplexen Systemen entscheidend ist. Nimm stattdessen einen Seestern und mach das selber. Am Ende hast du womöglich sogar 5 Seesterne. Der Unterschied liegt nicht am Werkzeug oder eben an der Methode, mit der du diesen Elefanten oder den Seestern zerlegst, sondern es liegt hier daran, was die niedrigste, kohärente Einheit des jeweiligen Systems ist. Beim Seestern ist es eben der einzelne Arm. Beim Elefanten ist es nun mal der ganze Elefant. Denn nur der Elefant ist im Ergebnis unzähliger Kombinationen über eine lange Zeit mit seiner Geschichte, mit seinen Erinnerungen, mit allen sozialen Beziehungen vollständig. Und die lassen sich nicht in Teile zerlegen, ohne dass etwas verschwindet. Und genau das ist der Kern von Komplexität. Wenn du ein System verändern willst, die Aufgabe die letzte oder die kohärente kleinste Einheit zu finden. Du musst wissen, bis zu welcher Ebene du es zerlegen kannst, ohne dass es an Bedeutung Manchmal ist es eine einzelne Person, manchmal ist es ein Team, manchmal auch eine ganze Abteilung, die du nicht einfach so auseinanderreißen darfst, ohne dass etwas kaputt geht, das sich dann nachher nicht mehr zusammensetzen lässt. Und erst dann, wenn du diese, in Anführungsstrichen, imaginäre Grenze kennst, kannst du die Teile neu kombinieren und mit anderen Teilen aufs andere Zerlegung wieder rekombinieren. Und dann entsteht etwas, was vorher noch nicht so war. Ein ganz klassisches Vorgehen im Umgang mit Komplexität, und das habe ich in diesem Podcast auch schon mehrfach erwähnt. Unterste, kleinste, kohärente Einheit finden und dann wieder rekombinieren. Wenn du also das nächste Mal in einer Organisation unterwegs bist und etwas restrukturieren oder verändern möchtest oder musst, dann denkst du vielleicht jetzt hier an diesen Impuls und überlegst dir, ob das was du da aufteilen oder umstrukturieren oder zerlegen sollst, eher ein Elefant ist oder eher ein Seesterne. Reißt du etwas auseinander, das nur als Ganzes funktioniert oder trennst du etwas ab, das für sich allein überleben oder sogar etwas Neues werden kann. Die blinden Männer jedenfalls streiche ich jetzt aus meinem Repertoire, nicht weil sie mir nicht geholfen hätten bisher oder weil sie irgendwie falsch waren, sondern weil ich jetzt durch diesen Impuls eine bessere Frage gefunden habe. Ich danke dir fürs Zuhören. Und alles Gute, eine wahrnehmungsreiche Woche. Bis dahin, dein David.

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